Das Schulwesen im 17. und 18. Jahrhundert 

Die erste Verordnung der Gerichtsherrschaft, den Schulbesuch betreffend, findet sich in der Polizeiordnung Neukirchs vom 6. Novemb. 1623. Nach derselben sollten Eltern ihre Kinder, „so zum lernen tüchtigk in die schule schickenn vnnd vleißigk dorzu anhalten; auch damit man wiße, welche dorczu qualificiret sein, und die außlehsenn möge, iczo vorstehent vndt kunfftige kirch-rechnung ein ieder die seinigen vor der herrschafft in dem gericht oder dem pfarhauße, wo mann dieselbenn haltenn würde, vorstellen vnnd solches bey vermeidungk ernster straff anders nicht halten vnnd vndterlaßen.“  Eine weitere, ähnliche Aufforderung erging in der zwei Jahre später erlassenen Kirchen- und Schulordnung. ―  Mit der Bedingung der Qualifikation der Schüler konnte es der Schulmeister nicht eben streng halten, wenn anders er sich nicht selbst in seinen Einkünften empfindlich schädigen wollte.  Unter Genehmigung der Herrschaft hielt er vielmehr alljährlich in der Fastenzeit mit seinen Zöglingen einen feierlichen Umzug durch den Ort, um dadurch die Kinder zur Schule anzulocken.  In dem Wunsche, an solcher Festlichkeit teilnehmen zu dürfen, wußten dann die Kleinen manchem zähen Vater die Einwilligung in den Schulbesuch abzuschmeicheln.

Die Unterrichtsfächer der Schule beschränkten sich in der ältesten Zeit auf Lesen, Schreiben und Einübung lateinischer und deutscher Kirchengesänge. Den lateinischen Wortlaut zu kennen, bedingte der kirchliche Ritus, bei welchem Responsorien und geistliche Lieder noch zum teil in lateinischer Sprache intoniert wurden. Der Religionsunterricht lag mit Ausnahme der Memorierübungen in den Händen der Geistlichkeit.  Die Jugend mußte dem Nachmittagsgottesdienste, in welchem der Prediger einen Katechismusabschnitt erklärte, beiwohnen.

Dem Vortrage schloß sich eine Besprechung und Befragung über das Gehörte an. Zwei Knaben sagten dabei die Hauptstücke in Form von Frage und Antwort auf.  Neben diesem allsonntäglichen Religionsunterricht „Kinderlehre“ genannt, wurde (vom Mittwoch nach reminiscere beginnend bis Ostern) noch das sogen. „jährliche Examen“, zu dem man auch die reifere Jugend heranzog, abgehalten. Über nachlässigen Besuch desselben erbat sich die Lehnsherrschaft Bericht, um nötigenfalls helfend eingreifen zu können.

 Nachdem nach Erbauung der Orgel die Vorliebe für kirchliche Musik den Adel besonders fesselte, gesellte sich zu den Anforderungen an den Schulmeister noch „die möglichst und zierlichste Abwartung des Orgelschlagens wie auch des chori musici“ und der Unterricht der Knaben im „Geigen und in anderen dienlichen Instrumenten, daß sie nebenst auch in der Kirche singen und in musicis adjuviren“ könnten. Dieser Wunsch, den Hans Heinrich von Nostitz 1673 dem Schulmeister ans Herz legte, zeigt noch heute mehr als 200 Jahren in dem Sinn für Musik, der  Neukirch auszeichnet, seine schönen Früchte.

 Von einer besonderen Inspektion der Schule außer der gewöhnlichen Lokalaufsicht der Geistlichen ist uns aus älterer Zeit nichts bewusst.  Zwar findet sich eine Kirchen- und Schulrevision seitens der sächsischen Kommission für den 10. März 1668 anberaumt; von der Ausführung derselben verlautet jedoch nichts.

 Dem Schulmeister Balzer Opitz (er schrieb sich stets Balthasar  Opitius) sind wir bereits (...) begegnet. Er wurde 1659 „wegen vorgefallener erheblicher Ursachen“ seines Dienstes entsetzt. Seine Nachfolger waren: Christian Eisentraut (verzog 1668 als Kantor nach Pulsnitz); Friedrich Winckler 1668 – 1718; Johann Gottlieb Winckler, des vorigen Sohn 1718-64; Christian Gottlob Winckler, des vorigen Sohn 1764-1795. Nach Aussterben letztgenannter Lehrerfamilie, die in drei Generationen zusammen 127 Jahre lang das Schulamt zu Neukirch verwaltet hatte, berief die Kollaturherrschaft 1795 den Schulmeister Karl Ehregott Köchler aus Diehsa, der sich einst vom herrschaftlichen Bedienten bis zum Lehrer emporgeschwungen hatte. ―

 Das elende Einkommen des Schulmeisters, welches 1628 nur 13 Thr. 9 Gr. 9 Pf. Jährlich betrug, steigerte sich bald und war im Jahre 1718 schon mit 126 Thalern 9 Gr. veranschlagt.  Diese Summe begriff alles in sich, auch die Erträgnisse des Schulackers, der laut Hans Heinrichs von Nostitz Urkunde vom 29. Septemb. 1664  auf ewige Zeiten bei der Schule verbleiben sollte.

 Bald aber wurde die Stellung und der Verdienst des Lehrers empfindlich herabgesetzt. Auf Ansuchen mehrerer Eingepfarrten entschloß sich der Kollator Freiherr von Stein zum Altenstein, das Organistenamt fernerhin mit einem Theologen zu besetzen.  Ein solcher sollte unter dem Titel „Katechet“ sowohl dem Pfarrer in der Seelsorge beistehen, als auch den gesamten Jugendunterricht erteilen, wobei es ihm unbenommen bliebe, zu seiner Unterstützung nach Belieben einen „Schulhalter“ anzunehmen und aus eigenen Mitteln zu besolden.  Dieser Entschluß kam mit der Berufung des Katecheten Christian Schneider am 18. Sept. 1718 zur Ausführung. Somit war die Katechetenschule gegründet, das Schulmeisteramt aber zu dem eines Stundengebers herabgesunken.  Schneider erhielt das gesamte Organistengehalt und bezahlte mit einem Teile desselben den genannten  J. G. Winckler, der, um sein bescheidenes Dasein zu fristen, nebenbei mit Garn und Holz handelte.  Beide wohnten und unterrichteten im alten Kirchschulgebäude.  Nach Ernennung Schneiders zum Kaplan erhielt 1721 Christian Bernhardi das Katechetenamt. Dieser mußte die Hälfte aller Schuleinkünfte an den Schulhalter abtreten, erhielt aber dafür je zwei Malter Korn und Hafer vom Pfarrdezem abgeschüttet.

 Die Katechetenschule bestand nicht ohne Unterbrechung fort. Bernhardi verzog 1727 als Pfarrer nach Ruppersdorf. Seither blieb die Katechetenstelle „wegen Mangel an Unterhalt“ eine Zeit lang unbesetzt.

 Der Schulhalter hatte auf Befehl der Herrschaft während des Winterhalbjahres in zwei Filialschulen, vormittags im Oberdorfe, nachmittags aber inmitten des Niederdorfes unterrichtet.  Bei der großen Längenausdehnung Neukirchs war eine solche Einrichtung recht wohl am Platze.  Die Bewohner der äußeren Ortsteile verstanden den Vorteil derselben genügend zu würdigen; denn als der Schulhalter nach Weggang des Katecheten zum ordentlichen Schulmeister ernannt wurde, entstanden sofort in beiden Dorfteilen sogenannte Winkelschulen, denen der Organist wie der spätere Katechet energisch zu Leibe rückten.  Diese Anstalten, in denen meist hochbetagte, arbeitsunfähige Männer, in einem Falle sogar ein Weib sich zu Schulmeistern aufwarfen, wurden von der Gerichtsherrschaft zwar aufgelöst und bei 1 Neuschock Strafe verboten; dem vorhandenen Bedürfnisse entsprangen aber bald obrigkeitlich genehmigte und von sogenannten „Kinderlehrern“  geleitete Nebenschulen.  Die erste derartige besaß Oberneukirch M. A.: später traten die Nebenschulen in Niederneukirch und Oberneukich L. A. hinzu. Dieselben erfreuten sich einer nicht unbedeutenden Schülerzahl.

 Neue Anregung erhielt die Fürsorge um das Schulwesen durch den Erlaß des Schulgesetzes von 1770.  Die darin angeordnete alljährliche „Schulpredigt“ mit der Aufforderung, die Kinder fleißig dem Unterrichte beiwohnen zu lassen, sowie freiwillige Beiträge für die einzurichtende Schulkasse zu spenden, blieb nicht erfolglos.  Das Interesse für die Erziehung wuchs umsomehr, als P. Reichel sich die Förderung derselben besonders angelegen sein ließ.   Aus seiner „Relation von dem statu der Schule in Neukirch“ erkennt man sein besonderes Wohlwollen und seine anerkennenswerten Bemühungen.  Erstreckte sich früher die Schulpflicht vom siebenden  bis dreizehnten Jahre, so sollten die Kinder nunmehr bereits vom fünften Lebensjahre ab der Schule zugeführt werden.  Diesem Befehle kam man jedoch nicht allenthalben nach.  Die älteren Schüler versammelten sich zur Winterszeit, die jüngeren aber nur im Sommer um den Lehrer.  Letzterer erteilte täglich sieben Stunden Unterricht, von denen fünf auf den Vormittag entfielen.  Ein Aufsatz  chr. Gottlob Wincklers, „wie bisher die Schule in Neukirch täglich gehalten worden“, legt die Art des damaligen Unterrichts ausführlich dar.  Dieselbe dürfte freilich  Pädagogen der Gegenwart als Kuriosum erscheinen.  

Die unterbrochene Katechetenschule erstand aufs neue, als Graf Huldenberg 1732 trotz tausendfältiger Einwendungen und Widerreden des Pfarrers und Schulmeisters die Katechetenstelle im Oberamt nochmals bestätigen ließ und den Bau eines eigenen Katechetenhauses betrieb.  Bald besaß Neukirch zwei Schulgebäude, die allerdings hart neben einander lagen.  Die Wahl zwischen der Katecheten- oder Kirchenschule stand jedermann frei.  Das Schulgeld, für beide Anstalten gleich hoch bemessen, betrug für ein Kind wöchentlich 5 Pfennige.  Die 4 Ferienwochen im Jahre gelangten dabei in Abzug.  Der berufene Katechet war Joh. Gottfr. Kühn, 1732 - 35; ihm folgte Zacharias Adler, 1736 - 77.  Letzterem wurde es anheimgestellt, die Schulgelder nicht mehr zu gleichen Teilen auch dem Schulmeister zufließen zu lassen, sondern im Wettbewerb mit demselben seine Einkünfte möglichst zu steigern und dadurch den beiderseitigen Lehreifer kräftig anzuspornen.

Das Schulgeld bildete die Haupteinnahmequelle; die anderen Gefälle bestanden zum größten Teil in Lebensmitteln (Broten und Garben). In Bezug auf die letzteren erscheint die Überlieferung recht glaubhaft, daß die Gemeindeglieder dem Schulmeister und Katecheten stets das mindestwertige Getreide verabreichten.  Seinem Unmut darüber soll Katechet Adler einst auf der Kanzel Ausdruck verliehen haben in der poetischen Improvisation: 

             „Trespe, Rad’ und Vogelwicken soll man mir nicht als Dezem schicken!

             Ich lehre euch Gottes Wort lauter und rein, ― und so soll auch der Dezem sein!“ ― 

Auch die Handhabung der Schulzucht unter der verwilderten Dorfjugend mag nicht zu den freudvollen Annehmlichkeiten der Lehrer gehört haben. 

Verabschiedete sich doch Katechet Pech von seinen Zöglingen mit den Worten: „Ihr bösen Buben! Ich werde mich über euch nun nicht mehr ärgern müssen: ich werde nun Pfarrer!“

 

Ein Auszug aus dem Buch: Georg Pilk "Die Geschichte Neukirchs", erschienen im Oberlausitzer Verlag Frank Nürnberger 2005