Das Neukircher Ortssignet

Beschreibung 

Das Wappen der Gemeinde Neukirch/Lausitz zeigt ein auf einem Felsen stehendes Schaf oder Lamm, das von einem sich rechts unterhalb des Felsens befindlichen Löwen bedroht wird. Der Felsen stellt allerdings nicht, wie man vermuten könnte, den Valtenberg dar, zu dessen Fuße die Gemeinde liegt. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Basaltfelsen, von deren Art man viele in der Gegend um Stolpen finden kann, vielleicht soll er sogar symbolisch für die Burg Stolpen stehen (siehe Kap. 4 Geschichte Wappen). Hierbei muss angemerkt werden, dass Neukirch lange Zeit unter der Amtsherrschaft von Stolpen stand.

 Die zwei auf dem Bild dargestellten Tiere findet man in der Heraldik sehr oft vor. Das weiße Schaf oder Lamm steht auf dem Berg, scheinbar sicher vor Angriffen des Löwen. 

Der goldene Löwe steht aufgerichtet, in Richtung des Schafes blickend, unterhalb  des Basaltfelsens und ist gekennzeichnet durch eine ausschlagende Zunge, ausgestreckte Krallen, und einen leicht s-förmigen, bequasteten Schwanz, was dem Löwen ein sehr angriffslustiges Aussehen verleiht.

 Im Hintergrund sind Bergspitzen zu erkennen.

  

Geschichte des "Wappens" 

 Um die Entstehungsgeschichte des Wappens der Gemeinde Neukirch/Lausitz zu erzählen, muss man mehrere Jahrhunderte zurückblicken.  

Bereits Mitte des 17. Jhd. existierte ein dem heutigen Wappen sehr ähnliches Dienstsiegelbild. Dieses soll auf folgende Weise entstanden sein:

Im Jahre 1657 verkaufte Anna Margarete Schillingen geb. von Hermsdorf ihr Gut in der Siedlung Oberecke M. S. an die vier freien Obereck-Bauern Pietzsch, Lehmann, Picke und Böhme

Eine andere Familie, die Familie Nostiz, war ebenfalls sehr interessiert am Kauf des Gutes, um ihren Besitz, den sie in den vorangegangenen Jahren durch Ankäufe erheblich gewachsenen Besitzes, noch auszudehnen. Die Familie Nostiz, sehr verärgert, das Gut nicht in Besitz nehmen zu können, soll nun die ehemalige Besitzerin sowie die freien Obereck-Bauern sehr verschmäht und versucht haben, ihnen Leid zuzufügen, was in einer Gerichtsverhandlung endete, woraufhin sich Nostiz bei den Bauern entschuldigen und sie abfinden musste.

Um Schutz zu suchen, wandten sich die freien Obereck-Bauern an das Amt Stolpen, dem sie fortan unterstellt waren. Dies brachte ihnen neben einer eigenen Gemeinde-, Schul-, und Eheordnung und der Namensgebung „Amtsanteil Stolpen“ auch das Recht, ein eigenes Dienstsiegel zu führen. So entstand folgendes Dienstsiegelbild: „Auf dem Basaltfelsen (die Festung Stolpen) – darauf ein Schaf oder Kalb (der Schützling „Amtsanteil“) unten rechts hochaufgerichtet der hungrige Löwe (die v. Nostiz), der den Schützling bedroht.“ 

Aus anderen Quellen ist überliefert, dass Oberneukirch Amtsanteil 1801 und  1837 zwei Stempel führte, deren Darstellungen wie folgt beschrieben wurden: „ein Kalb oder Schaf auf einem steilen Felsen, an dem unten rechts ein aufgerichteter Löwe steht.“

Oberneukirch L. S. führte im Siegelbild „einen großen Laubbaum (wohl Linde), neben dem rechts und links je ein kleinerer Nadelbaum stand.“ Da dies ein sehr häufig verwendetes Siegelbild sei und Oberneukirch St. A. gar kein Siegelbild führte, gab das Königlich Sächsische Ministerium des Innern im Juni 1913 den beiden letztgenannten Gemeinden die Empfehlung, dass Siegelbild von Oberneukirch Amtsanteil mit einer unterscheidenden Siegelumschrift zu übernehmen. 

Nachdem am 1. August 1923 die Gemeinden Oberneukirch L. S. und Niederneukirch zusammengelegt wurden, machte man sich Gedanken über ein einheitliches Wappen und die Gemeinde bat 1925 das Ministerium für Inneres in Dresden um Ratschläge, welches Bild für die neue Gemeinde am geeignetsten wäre.

Das Ministerium riet davon ab, ein gänzlich neues Wappen zu erstellen, und auch davon, beide Wappen zu kombinieren, da dieses Bild dann zu überladen wäre.

 1926 wurde von der Gemeindeverordnetenversammlung einstimmig beschlossen, das alte Wappen von Oberneukirch L. S., „ein auf einem Felsen stehendes Lamm, das von einem Löwen bedroht ist“, zu übernehmen und zwar mit der Umschrift „Gemeinde Neukirch (Lausitz), Amtsb. Bautzen, 1926“.

Dem wurde im Januar 1928 vom Ministerium des Innern zugestimmt.

 Nach der Vereinigung von Oberneukirch Amtsanteil und Oberneukirch St. A. zu Oberneukirch im Jahre 1925 und der Zusammenlegung von Oberneukirch und

Neukirch (Lausitz) am 1.7.1928 wurde das selbe Siegelbild geführt, nur in einfacherer Form und anderer Ortsbezeichnung.

 1933 wurde das Wappen über dem Haupteingang des Gemeindeamtes angebracht, wo es noch heute zu sehen ist (siehe Kap.5 Verwendung des Wappens heute).

 Fortan wurde das Wappen von der Gemeinde verwendet, bis im Jahre 1972 abermals ein Problem auftrat. Im Zusammenhang mit der 750-Jahrfeier von Neukirch/Lausitz sollten ein Stempel sowie andere Gegenstände herausgebracht werden, die das Wappen zeigen sollten. Um das machen zu können, musste abermals ein Genehmigung eingeholt werden, die im selben Jahr vom Rat des Bezirkes erteilt wurde.

Für diesen Vorgang fehlen allerdings noch die schriftlichen Belege.

 Von 1990 an wurde das bis dahin verwendete Wappen von der Gemeinde weitergeführt. Die Flagge aus DDR-Zeiten wurde 1997 durch eine neue Flagge ersetzt. Von der Notwendigkeit einer Genehmigung wurde jedoch nicht ausgegangen, so dass sowohl Flagge als auch Wappen weiter benutzt wurden.

 Laut  § 6 der Gemeindeordnung des Freistaates Sachsen (s. Anhang 1) haben die Gemeinden das Recht, ihre bisherigen Wappen und Flaggen zu führen. Allerdings bedarf dessen erstmalige Führung sowie Änderungen der Genehmigung der Rechtsaufsichtsbehörde.

 Daniel Pfletscher, 2003

 

Anmerkung: Nach einem Schreiben des Sächsischen Hauptstaatsarchivs vom 03.03.2003 betraf die Genehmigung von 1926 kein Wappen sondern ein Siegelbild, welches später in ein Wappenschild eingefügt wurde. Spätere Genehmigungen zur Verwendung als Wappen konnten bislang nicht nachgewiesen werden. Nach Auskunft des Hauptstaatsarchivs ist eine Genehmigung als Wappen auch nicht möglich, da die Gestaltung den Regeln der Heraldik widerspricht.

Mithin ist es falsch, von einem Wappen zu sprechen. Vielmehr besitzt Neukirch ein Ortssignet, welches als solches frei, jedoch nicht als Wappen, verwendbar ist.

 Marcel Richter, Mai 2003