Die katholische Pfarrkirche zu „Unser lieben Frauen.“

  Mit der Erbauung des Gotteshauses erhielt das Dorf seinen neuen christlichen Taufnamen. Eine neue Epoche hatte für Neukirch begonnen. Neues Leben, frische freudige Schaffenslust durchdrang jetzt die träge Eintönigkeit des slawischen Ackerbauers. Die größere Zahl und höhere Kultur jener eingewanderten Deutschen sog das geringere wendische Bevölkerungselement in kurzer Zeit völlig auf. Bald beherbergte der Ort ausschließlich deutschredende Christen.

Die Kirche Neukirchs wird als Tochter des Budissiner Doms bezeichnet. Auf diese Abstammung gründete sich auch die Zuständigkeit ihrer Oberbehörde. Die älteste Rechtsprechung in Sachen der Ortskirche übte die Budissiner Propstei. Als aber der kanonische Grundsatz geltend gemacht wurde, daß Tochterkirchen unter die Oberhoheit der Mutterkirche gehören sollten, wurden neun Kirchen, darunter die zu Neukirch, der Befehlsmacht des Propstes entzogen und unter die Gewalt und Kollatur des Kapitels bez. des Domdechanten gestellt. Diese Änderung vollzog Bischof Bruno II. vermittelst der schon erwähnten Urkunde vom 25. Februar 1222. Unter solcher Oberaufsicht stehend wird Neukirch auch in der Meißner Bistumsmatrikel von 1346 verzeichnet.

Von der Zahl der katholischen Geistlichen Neukirchs sind uns nur folgende dem Namen nach bekannt: Johannes, Pfarrer zu N. 1331 (wahrscheinlich identisch mit dem Pleban Johannes zu Neukirch, welcher am 24. Juni 1336 wegen einer Streitsache mit der Abbatissin Adelheit zu Marienstern durch Vermittlung zweier Budissiner Schiedsrichter verglichen wurde, dabei verschiedene Zinserträgnisse an das Kloster abtrat, jedoch seiner leiblichen Schwester Agnes, die als geistliche Jungfrau in Marienstern lebte, davon ein Talent jährlicher Rente ausbedang; Gelfried von Haugwitz, Pfarrer zu Neukirch, zugleich Lehnsherr des Ortes, mindestens von 1379 – 1388: Paul Radwor, Altarist des Altars unser lieben Frauen in der Kirche zu N. 1450:  Johannes Gutjahr, Pfarrer zu N. 1477; Bartholomäus Psick, „althar herr an der pfarrkirche zu vnser lieben frawen in Nawen Kirchen,“ 1478.

In den ältesten Sprengel Neukirchs gehörte eine große Anzahl eingepfarrter Dörfer. Mit Ausnahme Gaußigs, das sich zur Parochie Göda hielt, dürften fast sämtliche gegen Norden liegende Nachbardörfer dem Kirchspiele Neukirchs einverleibt gewesen sein. In jenen Orten dienten zur Befriedigung des täglichen religiösen Bedürfnisses kleine Kapellen. An Sonn- und Festtagen versammelte sich aber die gesamte Kirchfahrt in der „Haupt- und Pfarrkirche“ zu Neukirch. Verbrieft ist die ehemalige Parochialzugehörigkeit von Dretschen, Arnsdorf, Diehmen, Tröbigau, Tauttewalde und des noch jetzt eingepfarrten Ringenhain. Die Dörfer der wendischen Pflege verblieben auch bei Neukirch, nachdem Gaußig eine Kirche erhalten hatte. Zweifelhaft erscheint dies nur bezüglich Naundorfs.  Der betreffenden Behauptung von 1631 widerspricht eine 72 Jahre ältere beglaubigte Urkunde. Der Bericht der kursächsischen Kirchenvisitatoren von 1559 sagt, es seien Naundorf, Cossern, Zockau und Günthersdorf von alters her zu Gaußig gehörig.

Der Frage, ob der jetzige Ort des Kirchengebäudes genau der nämliche Standpunkt des ältesten Gotteshauses zu Neukirch ist, steht etwas Verneinendes nicht gegenüber. Etwa in der Mitte des 15. Jahrhunderts vernichtete ein Brand das Holzwerk der Kirche. Noch 1631 will Schulmeister Geißler in mehreren Brandmalen und Streifen in der Mauer die Spuren jener Feuersbrunst erblicken. 

Die Meinungen der damaligen Bevölkerung über die Entstehungsursache des Brandes gingen auseinander. Veranlaßt durch das Aussehen einer beschädigten hölzernen Säule, leiteten einige das Unglück von einem Blitzstrahle her. Andere brachten den Kirchenbrand mit den hussitischen Kriegsunruhen in Verbindung. Leider findet sich über die Mitleidenschaft Neukirchs an jenem Kriege kein weiterer Anhaltspunkt als folgende Aufzeichnung einer damals im Volke lebenden sagenhaften Überlieferung: Als die Hussiten Neukirch brandschatzen, war die Kirche das festeste Bollwerk gegen die Grausamkeiten jener Horden. Dorthin flüchteten sich die Bewohner mit ihrer besten Habe und verrammelten  die gewaltige Thür. Da die Versuche, durch Drohungen den Einlaß zu erzwingen, mißlangen, hieben die Krieger ein Loch in die Thür, und einer der ihrigen steckte, um den Riegel aufzuschieben, den Kopf hindurch. Sogleich aber sank sein Körper blutüberströmt zurück. Mit Entsetzen bemerkten die Angreifer, daß dem zuckenden Rumpfe das Haupt fehlte. Dieses war dem frevlen Eindringling von innen abgeschnitten worden. Da erfüllte ein Wutgeheul die Luft, und die Hussiten verschritten zum äußersten Mittel: Sie steckten die Kirche in Brand. ― Von dem weiteren Schicksale der Bedrohten schweigt die Überlieferung. Noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts zeigte die uralte Kirchentür eine bedeutende schadhafte Oeffnung, welche niemand in Rücksicht auf ihre schwierig zu bewirkende Herstellung für das Werk nächtlicher Kirchenräuber hielt. Einbildungsreiche Leute vermeinten sogar, in einem später übertünchten Flecke an der Mauer die blutige Spur jener grausigen  Enthauptung zu erblicken. – Der hintere Teil des Kirchgebäudes wurde 1476 erneuert und am Tag Brigittä durch Nikolaus Sonem (?) vollendet. Eine darauf bezugnehmende Inschrift in jener Abteilung lautete:

„Anno 1476 in die prigita

complet per nicol Sonem.

Der vordere Teil des Gotteshauses wurde erst am Sonnabende vor Johannes d. Täufer 1505 fertiggestellt. Seine Vollendung bekundete eine deutsche Inschrift, welche noch vor 257 Jahren an einem Balken jener Abteilung ersichtlich war:

 „Nach chr. geburt I m v vnd vhun: ior ist geb:od

denn sonnabent vor johan. bab:“

          Von den Glocken, deren Behausung der kleine Turm über der Vorhalle bildete, trug die mittlere (von 1817 – 1874 als kleine bezeichnete) auf dem Kranze in mittelalterlicher Schrift die Worte: 

„Im Jahre 1462 am Tage Jacobi.“

 Geißler bemerkt 1631, daß die große und kleine Glocke ohne Namen und Jahrzahl ein noch viel höheres Alter verrieten. Den Grund glaubt er in der viel „schlechteren, einfältigeren und simplen“ Herstellung derselben zu finden.

  Die hintere (östl.) Wand des alten Gotteshauses war mit verschiedenen Wappen geziert. Unter denselben befand sich auch dasjenige der Kurfürsten von Sachsen. Dieser Umstand erschien dem ältesten Chronisten Neukirchs überaus rätselhaft und veranlaßte ihn zu allerlei Vermutungen. So hielt er es nicht für unmöglich, daß die Neukircher Kirche zu irgend welcher früheren Zeit unter das Kurhaus Sachsen gehört haben könnte; denn „man hette eines frembden potentatens, der an einem orte vnd sonderlichen in der kirchen keine botmeßikeit hatt, sein wappenn nicht angemahlet noch so langeczeit gelitten. Weilln aber hieruon nicht zu rahten,  auch niemand iczo vorhanden ist, der solch reczel entweder mit ja oder nein offlösen kann, will ichs auch in seinem altenn esse bleiben lassen.“ Dem Versuche, die Frage dergestalt zu beantworten, daß die Parochialzugehörigkeit sächsischer Ortschaften die Existenz jenes Wappens begründet hätte, vermögen wir nicht beizupflichten. Die meißnischen Pertinenzen Neukirchs kamen erst 1559 an Sachsen. Jenes Wappen aber und der Rautenkranz, der an einem alten Wandschranke der Sakristei gemalt zu finden war, stammten sicher aus früherer Zeit. Ohne einer möglicherweise bedeutungslosen Sache eine unverdiente Wichtigkeit beizumessen, verzeichnen wir eine uns glaubhafter dünkende Möglichkeit. Der Kurfürst von Sachsen war als solcher „oberster Schutzherr des Bistums Meißen und aller Unterthanen desselben.“ Nichts einfacher, als dass man auf Grund dieser Würde ihm in der Kirche zu Neukirch, in welche auch bischöflich meißnische Ortsteile eingepfarrt waren, durch Anbringung seiner Abzeichen die gebührende Verehrung zollte.

 - Die Wand der Sakristei zierte der einfache Denkspruch:

„Du, Gott, siehest mich!“

 Bis zum 17. Jahrhundert leitete der Küster den Gesang nur vermittelst seiner Stimme; eine Orgel gab es noch nicht. Von den Altären der ehemaligen Liebfrauenkirche zu Neukirch werden uns genannt: Der Altar der holdseligen Jungfrau Maria und der des heiligen Nikolaus. Ersterer war mit einer, letzterer mit drei Mark Altarzins in der Matrikel verzeichnet.2) Der von Neukirch zu entrichtende Bischofszins war um das Ende des 15. Jahrhunderts der höchste im Sprengel des Kapitels. 

Dorfgeschichtliches Material aus der Zeit des Mittelalters bezieht sich fast ausschließlich auf die beiden damals dominierenden Mächte: Kirche und Adel. Auch unsere Skizze des mittelalterlichen Neukirch kann nur von diesen beiden Gesichtspunkten ausgehen. Nach Betrachtung der kirchlichen Verhältnisse lenken wir deshalb unseren Blick auf

 Ein Auszug aus dem Buch: Georg Pilk "Die Geschichte Neukirchs", erschienen im Oberlausitzer Verlag Frank Nürnberger 2005