Ehemalige Gastwirtschaft "Germania", Neukirch (Lausitz)

 

Wenn der Besucher Neukirchs/Lausitz auf der Bundesstraße 98 von Bischofswerda in Richtung Steinigtwolmsdorf fährt, so passiert er die rechter Hand liegende Südstraße, an deren Beginn er ein dreifach gegliedertes Gebäude sieht. Dieses wird momentan für Wohn- und Gewerbezwecke genutzt.

 Die Germania 1998

In früheren Zeiten befand sich dort die Gaststätte "Germania", welche eine beliebte Lokalität der Jahrhundertwende war.

 

Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts befand sich dieses Objekt im Besitz der Familie Richter, später der Familie Hultsch.

Das Gebäude bestand ursprünglich aus dem noch immer existierenden Mittelbau, welcher im Obergeschoß eine Holzverkleidung besaß. Rechts war ein kleinerer Gebäudeteil angefügt, welcher um 1970 seine jetzige Gestalt erhielt, und in früheren Zeiten wahrscheinlich das Ausgedingehaus war. Der Ziegelbau auf der linken Seite wurde am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert angebaut.

Die Germania um 1885

 

Den Vereinen stand ein Vereinszimmer zur Verfügung, welches im linken Gebäudeteil hinter der Gaststube untergebracht war. Zu den einkehrenden Vereinen und Gruppen zählten zum Beispiel ein vaterländisch orientierter Verein, die Feuerwehr und die Damenriege des Turnvereins nebst Turnwart.

Sehr beliebt war die Gaststätte auch bei den Steinbrucharbeitern, welche nach schwerer Arbeit dort ihr wohlverdientes Bier genossen.

Daneben waren aber auch Familien und der alltägliche Besucherverkehr in der Germania stets gern gesehene Gäste.

 

Nach dem zweiten Schild an der Vorderfront des Gebäudes befand sich im Haus noch eine Destille, also eine Branntweinbrennerei.

 

Im Adreßbuch der Gemeinde Neukirch von 1927 erscheint die Germania unter der Bezeichnung "Zur Germania".

Die Germania 1902

 

 Über den genauen Ursprung der "Germania" ist kaum etwas bekannt. Man kann deshalb nur anhand der spärlichen Unterlagen Vermutungen anstellen.

Im Brandkataster der Gemeinde Niederneukirch vom 23.09.1861 wird unter dem Grundstück Hausnummer 150 (Straßennamen gab es damals noch nicht) ein Johann Gottlob Hartmann geführt, dessen Anwesen wie folgt beschrieben wird: "a) das Wohngebäude mit Stall nebst angebautem Backofen, Vorhaus mit Stubenanbau b) das Ausgedingebäude mit angebautem Schuppen Holzschuppen".

Von einer Gaststätte ist also keine Rede.

 Das Photo aus der Zeit um 1885 zeigt das Gebäude mit drei Schildern. Auf diesen stand "Restauration und Speisewirthschaft", "Material Waaren" und "Fleisch-/ Wurstwaaren". Außerdem waren an der Gebäudefront zwei Wachtelhäuschen angebracht. Diese Tiere wurden darin als Haustiere gehalten. Da sie bereits sehr früh am Morgen ihren Gesang begannen, dienten sie wahrscheinlich auch als eine Art Wecker.

Es ist anzunehmen, daß die Kinder von Amalie und Karl Richter bereits frühzeitig in der Wirtschaft mit helfen mußten. Die Tochter Mathilde führte später das Unternehmen weiter. Ihr Mann Carl Hultsch arbeitete als Gastwirt und Fleischbeschauer. Ob darin die Fortführung der Bankfleischerei besteht, kann nicht gesagt werden.

Von Amalie Richter ist bekannt, daß sie eine recht große, hagere und ernste Frau gewesen ist. Mathilde Hultsch soll nach den Berichten von Zeitzeugen eine sehr gute Köchin gewesen sein. Sie war eine kleine Frau, die als nett und allseits beliebt beschrieben wurde. Trotzdem soll sie aber auch mit angetrunkenen Gästen umzugehen gewußt haben.

 Nach dem Tod von Mathilde Hultsch wurde die "Germania" nach annähernd 70 Jahren in Familienbesitz verkauft und war noch einige Jahre beliebter Treffpunkt für jung und alt.

Anfang der 50ziger Jahre wurde die "Germania" schließlich für immer geschlossen.

Die Germania um1964

Die letzten Betreiber bis dorthin hießen nacheinander Richard Probst, Raul Radon und ein Herr Schumann.

  

 

 Gastwirte Richter mit Kindern

Carl Gottlob Richter, Gastwirt,

geb. am 17. Juli 1844 in Ringenhain

verst. am 8. März 1897 in Niederneukirch

  Todesanzeige Amalie Berthold

Amalie Auguste Ernestine Berthold,

geb. am 26. Juni 1845 in Oberneukirch

verst. am 14. Dezember 1928 in Neukirch

 

Deren Tochter Mathilde Hultsch führte mit Ihrem Mann die Gaststätte weiter.

 Gastwirte Hultsch

Carl Wilhelm Hultsch, Gastwirt und Fleischbeschauer,

geb. am 1. August 1868 in Oberneukirch

verst. am 2. Dezember 1920 in Neukirch

 

Maria Mathilde Richter,

geb. am 13. Mai 1868 in Niederneukirch

verst. am 14. Juni 1935 in Neukirch

 

Die Gräber der beiden Gastwirtsehepaare befinden sich noch immer auf dem neuen Neukircher Friedhof. Betritt man den Kirchhof und wendet sich sofort links, so findet man an vierter Stelle an der Außenmauer die Grabstätte.

Familiengrab  

Auf den beiden letzten Bildern sind ein Besteck und ein Bierkrug mit dem Porträt des sächsischen Königs Albert  zu sehen.

               

Das vorläufige Ende ereilte das Gebäude der ehemaligen Gaststätte "Germania" im März 2005 mit dem (teilweisen) Abriss.

              

 

(Marcel Richter September 2000, Ergänzung März 2005)